#3 – Mio, mein Mio

Ich erzähle in meinen Videos und Web Plauschen ja sehr häufig von meinem Mio, der als Panikhund den Weg zu mir und meiner vierbeinigen Familie gefunden hat. Und ja, ich wusste, auf was ich mich einlasse, da auch der vermittelnde Verein sehr offen und ehrlich aufgeklärt hatte. Mio kam auch – anders als bei meinen anderen Pflegehunden üblich – nicht per Autotransport, sondern per Flug, mit der Maßgabe, ihn nicht aus der Flugbox zu holen, bis er hier im Haus gesichert ist. Zu groß war die Angst, er könnte vor lauter Panik entwischen.

Und so war es dann… Flugbox in der große Trainingshalle abgestellt, darin ein Häufchen Elend, total überfordert mit der ganzen Situation. Wie sollte er auch verstehen, dass das der Beginn einer langen, noch sehr aufreibenden und schwierigen Zeit hin zu einem jetzt absolut glücklichen Leben als Teil einer ihn liebenden Familie sein sollte?

Liebe… das kannte er die vier Jahre, die er zuvor bei einem Jäger und im Tierheim verbracht hatte, nicht wirklich. Was er kannte waren Angst, Panik, Unterdrückung, Schmerzen. Sein Körper ist übersäht mit vielen kleinen und einigen großen Wunden und man möchte sich nicht ausmalen, was der arme Kerl erleben musste. Mir treibt es noch immer die Tränen vor Wut und Mitleid in die Augen, wenn ich darüber nachdenke.

Aber Mitleid bringt einen solchen Hund nicht zurück ins Leben, und daher haben wir ganz langsam damit begonnen, Vertrauen aufzubauen. Und was ich sagen kann… es hat gedauert! Tage, Wochen, Monate, eigentlich Jahre. Und es war jede Anstrengung wert!

Warum ich das schreibe? Weil ich manchmal das Gefühl habe, es geht Menschen mit ihren Hunden nicht schnell genug. Welpen sollen möglichst bald stubenrein sein (obwohl ihre Blase doch eigentlich noch gar nicht ausgereift genug ist), Straßenhunde sollen möglichst schnell ordentlich an der Leine laufen (obwohl sie bisher vielleicht niemals eine Leine oder Geschirr bzw. Halsband kannten), Hundezusammenführungen sollen reibungslos in ein harmonisches Familienleben führen (obwohl die Charaktere vielleicht unterschiedlicher nicht sein könnten), Senioren werden angetrieben, sich zu beeilen (obwohl sie doch so viel mehr Zeit bräuchten, weil Augen, Ohren, Nase und Körper mehr und mehr nachlassen).

Haben wir wirklich keine Zeit mehr, uns auf die Ebene der uns anvertrauten Lebewesen einzulassen und gemeinsam zu wachsen? Doch, die haben wir, wir müssen nur finden, was uns wichtig ist.

Ach, und warum heißt Mio eigentlich Mio? Denn eigentlich kam er mit seinem früheren Namen „Rapanui“ zu mir.

„Mio, mein Mio“ ist ein Kinderbuch der beliebten schwedischen Schriftstellerin Astrid Lindgren aus dem Jahre 1954 (Auszeichnung mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 1956). Ganz kurz gefasst geht es in der Geschichte um den Waisenjungen Bosse, der von seinen Pflegeeltern sehr schlecht behandelt wird und sich nichts sehnlicher wünscht, als in einem anderen Land eine eigene Familie zu finden, die sich um ihn kümmert und ihn liebt.

Eines Tages bekommt Bosse von einer Obstverkäuferin einen Apfel und eine Karte, die er in einen Briefkasten werfen soll. Auf dem Weg dorthin bemerkt er, dass der Apfel golden ist, außerdem entdeckt er eine Flasche mit einem Geist aus einem Land in der Ferne. Bosses Wunsch, mit in das Land der Ferne reisen zu dürfen („nimm mich mit, oh, nimm mich… dort ist jemand, der auf mich wartet!“) wird erhört, da das Zeichen der goldene Apfel ist („du bist der, den ich holen soll“). Dort angekommen, wird Bosse von seinem Vater, dem König, freudig begrüßt und kämpft im Laufe der Geschichte erfolgreich als Prinz Mio gegen den Ritter Kato mit dem steinernen Herzen.

Der Titel ergibt sich übrigens daraus, dass der Vater („mein Vater, der König“) seinen Sohn immer eben mit „Mio, mein Mio“ anspricht.

Die amerikanische Tageszeitung Chicago Tribune beschrieb das Buch einstmals als „poetisches Märchen, das einfühlsam und wahr ist“. Und ja, auch Mios Traum wurde wahr. Es ist nicht schlimm, dass es gedauert hat. Es ist nicht schlimm, dass wir am Anfang unseren gesamten Tagesablauf ändern mussten. Es ist nicht schlimm, dass wir unsere Räumlichkeiten bzw. Möbel und Zimmernutzungen komplett umgestellt haben. Es ist nicht schlimm!

Schlimm ist nur, Hunden keine Zeit zu geben oder an ihnen zu zweifeln.

Mio, Aragorn & Pina

#2 – Bin ich eigentlich normal?

Kürzlich nahm ich an einem Wochenseminar teil, in dem es um den Aufbau des eigenen Onlinebusiness‘ ging, um das persönliche und geschäftliche Wachstum und noch einiges mehr.

So schön, so gut.

Einiges kann ich mir für meine eigenen Tätigkeiten an- und übernehmen, anderes höre ich und vergesse es wieder.

Aber was mich jetzt wirklich zum Nachdenken gebracht hat war die Übung, sich vorzustellen, wo man in 10 Jahren sein möchte. Jeder sollte seinen perfekten Tag beschreiben. Wo will man aufwachen, was sieht man beim Blick aus dem Fenster, wie ist man gekleidet, mit wem arbeitet man zusammen und noch so einiges mehr.

Eines kann ich sagen… ein Großteil der Teilnehmer mochte eher den Luxus, also Villa, Haushälter, Privatkoch, Privatjet, bestimmte Autos, finanzielle Unabhängigkeit…

Und wo sehe ich mich in 10 Jahren, wenn ich es mir wünschen dürfte?

In Joggingklamotten mit einer ganzen Horde Hunde um mich herum, auf einem weitläufigen Grundstück, weit weg von anderen Menschen, entweder einsam im Wald oder irgendwo am Wasser/Meer, morgens einfach die Türe unserer kleinen gemütlichen Hütte aufmachend, die Hunde glücklich rumtoben sehend, die reine Luft um mich herum einatmend, die Natur spürend. Mit dem Laptop sitze ich auf der Veranda und coache auch zukünftig Hundehalter/Mehrhundehalter, mache mich aber ansonsten frei von jeglichen weiteren Verpflichtungen, weil ich meine zur Verfügung stehende Zeit nutze für ängstliche, unsichere, missverstandene Vierbeiner, denen ich mit meinem Wissen und meinen Erfahrungen den Weg in eine glückliche Zukunft ebnen möchte.

Gut, Joggingklamotten und die Horde Hunde habe ich jetzt schon.

Der Rest darf gerne noch den Weg zu mir finden. Was ich nicht brauche sind teure Autos, Schmuck, edle Kleidung oder Bedienstete. Und auch keine riesige Villa mit Pool und Tennisplatz. Was ich brauche hat Fell, eine kalte Schnauze, einen knuffigen Wackelpopo und ganz viel Liebe zu verschenken. Und das natürlich sehr gerne in mehrfacher Ausführung! 

Aber zurück zu meiner Ausgangsfrage – bin ich eigentlich normal?

Christine Ströhlein mit Mio

#1 – Ein einzelnes Tier zu retten verändert nicht die Welt …

Wie du vielleicht weißt, sind alle meine Hunde aus dem spanischen Tierschutz, und für mich gäbe es heute keinen anderen Weg mehr, Vierbeiner zu uns zu nehmen. Das heißt aber natürlich nicht, dass ich gegen Hunde aus Züchterhand wäre. Es gibt auf beiden Seiten schwarze Schafe, daher ist es – egal ob Tierschutz oder Zuchthund, egal ob Inland oder Ausland – enorm wichtig, sich gut zu informieren!

Mein Paco war ein sehr schwieriger Hund, und als 2007 mein Wunsch gereift ist, einen Artgenossen dazu zu nehmen, war ich sehr unsicher, ob das auch klappen konnte. Mich als Pflegestelle zu bewerben, sah ich als wunderbare Möglichkeit ganz „unverbindlich“ zu prüfen, ob es überhaupt für Paco und mich passt, Mehrhundehalter zu werden. Seitdem bin ich für ein und denselben Tierschutzverein aktiv, und dass es nicht bei nur einem zweiten Hund bleiben sollte, war auch relativ schnell klar.

Jeder Hund aus dem Tierschutz birgt Überraschungen… manchmal nicht so gute, und manchmal richtig gute! Sorgenkinder und absolute Diamanten… es war hier schon alles dabei.

Warum ich dir das schreibe? Als Pflegefamilie gibst du einem Hund über eine gewisse Dauer deine Unterstützung, deine Liebe, dein Herz. Du ebnest ihm seine Zukunft, seinen Weg in eine eigene Familie. Ich finde, jeder Hund sollte sein Für-Immer-Zuhause finden, und dabei bist du ihm als „Zwischenstation“ behilflich. Und manchmal findest du genau das passende Gegenstück zu dir und einer Hundefamilie. Das nennt sich dann Pflegestellenversager, und ich muss sagen… auch ich gehöre dazu. Eigentlich sind nur Dorie und Pina ganz bewusst zu mir geholt worden, während Donna, Pepe, Mio und Aragorn einfach geblieben sind – ich konnte sie aus unterschiedlichen Gründen nicht vermitteln. Ich habe versagt – und das mit ganzem Herzen!

Wenn du dich mit dem Gedanken trägst, auch einmal Pflegestelle sein zu wollen, dann kann ich dir nur raten, dich gut mit den jeweiligen Vereinen auseinanderzusetzen. Es gibt nicht nur die, die wirklich Gutes tun wollen – Tierschutz ist für manche inzwischen zu einem wirklichen Geschäft geworden. Achte darauf, dass Vorkontrollen durchgeführt werden (auch bei dir als Pflegestelle!) dass du Mitspracherecht bei der Weitervermittlung des Hundes hast, der dann bei dir auf Zeit wohnt, dass dir zu allen Fragen ein Ansprechpartner zur Verfügung steht, dass Lösungen gefunden werden, falls Probleme auftauchen, dass über doppelte Sicherung bzw. Sicherheitsgeschirr aufgeklärt wird usw. Auch hier darfst du dich gerne bei mir melden, wenn du weitere Fragen dazu hast!

Und wenn du dich dann für einen „Pflegi“, wie wir liebevoll unsere Teilzeitgäste nennen, entschieden hast, stelle dich auf nichts ein – denn es kann alles passieren. Von „juhu, hier bin ich, was geht hab hier, komm, lass uns Spaß haben“ bis hin zu „ich gehe ganz gewiss die nächsten Monate nicht hinter dem Sofa vor, hier lässt es sich auch fein pullern und kacken“ kann das Überraschungsei Verhalten mitbringen, mit dem es dann umzugehen gilt. 

Auf alle Fälle gilt – ganz viel Ruhe, ganz viel Gelassenheit, ganz viel Verständnis, ganz viel Geduld. Es gibt (für mich) nichts Schöneres, als einen Hund mit schlechter Vergangenheit auf dem Weg in ein neues glückliches Leben zu begleiten. Und auch die weiteren Hunde der Familie profitieren von ihrer Aufgabe als „Teilzeitrudel“. Ich kann voller Überzeugung sagen, dass meine Vierbeiner ihre Sozialkompetenz nicht nur über meine Führung, sondern auch ein Stück weit über die wechselnden, sehr unterschiedlichen Pflegehunde schärfen konnten.

„Ein einzelnes Tier zu retten, verändert nicht die Welt,
aber die ganze Welt verändert sich für dieses eine Tier!“ 
(unbekannt)