Mio, mein Mio

Ich erzähle in meinen Videos und Web Plauschen ja sehr häufig von meinem Mio, der als Panikhund den Weg zu mir und meiner vierbeinigen Familie gefunden hat. Und ja, ich wusste, auf was ich mich einlasse, da auch der vermittelnde Verein sehr offen und ehrlich aufgeklärt hatte. Mio kam auch – anders als bei meinen anderen Pflegehunden üblich – nicht per Autotransport, sondern per Flug, mit der Maßgabe, ihn nicht aus der Flugbox zu holen, bis er hier im Haus gesichert ist. Zu groß war die Angst, er könnte vor lauter Panik entwischen.

Und so war es dann… Flugbox in der große Trainingshalle abgestellt, darin ein Häufchen Elend, total überfordert mit der ganzen Situation. Wie sollte er auch verstehen, dass das der Beginn einer langen, noch sehr aufreibenden und schwierigen Zeit hin zu einem jetzt absolut glücklichen Leben als Teil einer ihn liebenden Familie sein sollte?

Liebe… das kannte er die vier Jahre, die er zuvor bei einem Jäger und im Tierheim verbracht hatte, nicht wirklich. Was er kannte waren Angst, Panik, Unterdrückung, Schmerzen. Sein Körper ist übersäht mit vielen kleinen und einigen großen Wunden und man möchte sich nicht ausmalen, was der arme Kerl erleben musste. Mir treibt es noch immer die Tränen vor Wut und Mitleid in die Augen, wenn ich darüber nachdenke.

Aber Mitleid bringt einen solchen Hund nicht zurück ins Leben, und daher haben wir ganz langsam damit begonnen, Vertrauen aufzubauen. Und was ich sagen kann… es hat gedauert! Tage, Wochen, Monate, eigentlich Jahre. Und es war jede Anstrengung wert!

Warum ich das schreibe? Weil ich manchmal das Gefühl habe, es geht Menschen mit ihren Hunden nicht schnell genug. Welpen sollen möglichst bald stubenrein sein (obwohl ihre Blase doch eigentlich noch gar nicht ausgereift genug ist), Straßenhunde sollen möglichst schnell ordentlich an der Leine laufen (obwohl sie bisher vielleicht niemals eine Leine oder Geschirr bzw. Halsband kannten), Hundezusammenführungen sollen reibungslos in ein harmonisches Familienleben führen (obwohl die Charaktere vielleicht unterschiedlicher nicht sein könnten), Senioren werden angetrieben, sich zu beeilen (obwohl sie doch so viel mehr Zeit bräuchten, weil Augen, Ohren, Nase und Körper mehr und mehr nachlassen).

Haben wir wirklich keine Zeit mehr, uns auf die Ebene der uns anvertrauten Lebewesen einzulassen und gemeinsam zu wachsen? Doch, die haben wir, wir müssen nur finden, was uns wichtig ist.

Ach, und warum heißt Mio eigentlich Mio? Denn eigentlich kam er mit seinem früheren Namen „Rapanui“ zu mir.

„Mio, mein Mio“ ist ein Kinderbuch der beliebten schwedischen Schriftstellerin Astrid Lindgren aus dem Jahre 1954 (Auszeichnung mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 1956). Ganz kurz gefasst geht es in der Geschichte um den Waisenjungen Bosse, der von seinen Pflegeeltern sehr schlecht behandelt wird und sich nichts sehnlicher wünscht, als in einem anderen Land eine eigene Familie zu finden, die sich um ihn kümmert und ihn liebt.

Eines Tages bekommt Bosse von einer Obstverkäuferin einen Apfel und eine Karte, die er in einen Briefkasten werfen soll. Auf dem Weg dorthin bemerkt er, dass der Apfel golden ist, außerdem entdeckt er eine Flasche mit einem Geist aus einem Land in der Ferne. Bosses Wunsch, mit in das Land der Ferne reisen zu dürfen („nimm mich mit, oh, nimm mich… dort ist jemand, der auf mich wartet!“) wird erhört, da das Zeichen der goldene Apfel ist („du bist der, den ich holen soll“). Dort angekommen, wird Bosse von seinem Vater, dem König, freudig begrüßt und kämpft im Laufe der Geschichte erfolgreich als Prinz Mio gegen den Ritter Kato mit dem steinernen Herzen.

Der Titel ergibt sich übrigens daraus, dass der Vater („mein Vater, der König“) seinen Sohn immer eben mit „Mio, mein Mio“ anspricht.

Die amerikanische Tageszeitung Chicago Tribune beschrieb das Buch einstmals als „poetisches Märchen, das einfühlsam und wahr ist“. Und ja, auch Mios Traum wurde wahr. Es ist nicht schlimm, dass es gedauert hat. Es ist nicht schlimm, dass wir am Anfang unseren gesamten Tagesablauf ändern mussten. Es ist nicht schlimm, dass wir unsere Räumlichkeiten bzw. Möbel und Zimmernutzungen komplett umgestellt haben. Es ist nicht schlimm!

Schlimm ist nur, Hunden keine Zeit zu geben oder an ihnen zu zweifeln.

Du veränderst ihr Leben und sie verändern deins

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Über den Autor

Hallo, ich bin Christine und helfe zusammen mit meinen eigenen 6 Schätzen (Mehr)hundehaltern, Struktur und Harmonie für ihre Hundefamilie zu entwickeln, damit aus einem Nebeneinander, Durcheinander oder gar Gegeneinander in Miteinander und vor allem Füreinander wird!


Seit 2014 bin ich aktiv als selbständige Hundetrainerin mit angeschlossener "Hunde-WG" (Tagesstätte und Pension), in der durchschnittlich bis zu 20 Vierbeiner unter meiner Verantwortung stehen. 


Als Pflegestelle für spanische Windhunde (Far from Fear e.V.) konnte ich zudem bereits fast 40 Schützlingen den Start in ein neues Leben erleichtern und für diese Tiere liebende Für-Immer-Familien finden.